Zur Arbeit von Martin Colden
Eröffnungsrede von Annette Tietz, 25. Mai 2005

Martin Colden hat sich in den vergangenen Jahren zu einem ungewöhnlichen künstlerischen Universalisten entwickelt. Sein Oeuvre umfasst sowohl Malerei und Zeichnung als auch Skulpturen, Objekte und Fotografie.

Nach dem Studium der freien Kunst an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee bei Hans Vent lag der Schwerpunkt seiner künstlerischen Arbeit auf der Malerei und Zeichnung. Das Ausloten von formalen Möglichkeiten hat ihn in der Auseinandersetzung mit der zeitgenössischen Kunstentwicklung der 90-er Jahre jedoch zu einem lustvollen Ausprobieren anderer künstlerischer Medien geführt, ohne diese jedoch – wie heute üblich - grundsätzlich in Frage zu stellen.

Entscheidend ist für Martin Colden nicht das Medium selbst mit seinen Eigengesetzlichkeiten sondern die Tauglichkeit desselben, eine Idee auszudrücken.
Martin Coldens Arbeitsweise ähnelt dabei der eines Wissenschaftlers.
Alberto Giacometti sagte dazu: "Wenn man sich darauf verlegt, so gut wie möglich festzustellen, was man sieht, so ist es das gleiche, ob man dies als Wissenschaftler oder als Künstler tut. Einem Forscher, der sich für irgendein Gebiet spezialisiert, bleibt noch um so mehr zu entdecken, je mehr er schon entdeckt hat und so wenig wie ein Künstler darf er hoffen, je zu einem totalen Wissen zu kommen. Das totale Wissen wäre übrigens gleichbedeutend mit dem Tod. Die Kunst und die Wissenschaft versuchen zu verstehen. Es ist nicht der Erfolg oder der Misserfolg, der zählt."

Colden sucht zeichnend, malend oder fotografierend zu verstehen.
Die Zeichnung nimmt in seinem Arbeitsprozess insofern eine Sonderstellung ein, als sie – nicht zuletzt seinem unsteten Temperament folgend – die direkteste Möglichkeit ist, eine augenblickliche Empfindung wiederzugeben und damit eine Idee Form werden zulassen.

Während Malerei und Skulptur in ihrer sinnlichen Präsenz gültige Aussagen formulieren, aber einer längeren gedanklichen und auch handwerklichen Vorbereitung bedürfen, bleibt die Zeichnung immer im Fragmentarischen und erfordert viel stärker ein Wahrnehmungsvermögen, dass sinnlich und reflektiert zugleich und zu Assoziationen fähig ist.

Colden bedient sich hier einer expressiven Linienführung auf vorgefundenem Material – nämlich alten Plakaten – ohne sich einer näheren Konkretisierung des Zeichnungsanlasses oder –gegenstandes hinzugeben. Das Verstehen einer – dieser – Zeichnung resultiert denn auch weniger aus der beschreibenden Benennung des Stoffes als aus dem Empfinden des geistigen Raumes, der sich durch den Gegenstand hindurch aufschließt. Aus einem Prozess des Infragestellens entstehen bei Martin Colden Arbeiten, die sich dem schnellen Blick verweigern. Dem interessierten Betrachter eröffnen sich jedoch hochkomplexe Bildwelten, die über Stoffliches hinaus Einsichten in einen geistigen Aneignungsprozess von Wirklichkeit vermitteln.