Splitter. Fotoschicht auf Glasscherben, 1995-1999

Reinigungsrituale II

Reinigungsrituale, 1995
Wültisch

Wühltisch, 1995-99
Das Bein, 1995

Das Bein, 1995
Ohne Titel, 1995/96

Ohne Titel, 1995/96
Nachgeschichte, 1995

Nachgeschichte, 1995
»Der Migrant, dieser Mensch der heranrückenden heimatlosen Zukunft, schleppt (...) Brocken der Geheimnisse aller jener Heimaten in seinem Unterbewußtsein mit, die er durchlaufen hat, schreibt Vilem Flusser in »Bodenlos«.

... Durch meine Arbeit wurde mir aber bewußt, daß meine fragilen Identitätssplitter sich doch noch recht gut verteidigen können: ihre Glaskanten sind nämlich beim Zersprechen sehr scharf geworden. Scharf im Beurteilen und um Einspruch zu erheben. Sie lassen sich auch ohne Schwierigkeiten mit anderen Bedeutungsfragmenten kombinieren. Dabei sind sie im Zeichen dieser »heranrückenden heimatlosen Zukunft« zu einem unentbehrlichen Teil meines eigenen Welt- und Selbstverständnisses geworden. ...

Pat Binder in: Fremde Brocken - eigene Splitter
neue bildende kunst, Berlin, Heft 4/5 1995, S. 48


Angeregt durch den Dia-Fund [siehe: Ausblicke: Landschaften] ließ sich Pat Binder auf die aufwendige und diffizile Prozedur ein, selbst transparente Fotos auf Glasscheiben herzustellen. Vielleicht hätte es einfachere Techniken gegeben, um zu ähnlichen Resultaten zu gelangen. Anfangs glitt die Fotoschicht häufig wieder von der Glasplatte und verschwand im Ausguß, mehrmals hat sich die Künstlerin an den messerscharfen Kanten geschnitten, ohne daß sie im Rotlicht des Labors ihr eigenes Blut sah. Im Zeitalter der Computermanipulationen und angesichts der Möglichkeit, ohne allzugroße Anstrengungen Fotokopien oder Drucke auf fast jedem Untergrund herzustellen, hat dieses mühselige Verfahren etwas rituelles. Es wird hier mit dem Gebrauch von Altöl in Zusammenhang gebracht. So wie die banalen Alltagsgegenstände durch das Eintauchen in Öl eine »Weihe« als Kunst erfahren, werden die Silberkristalle erst durch das Entwicklerbad zum Bild »geweiht«. Dabei fallen gleichfalls Schadstoffe an. Eine (gewollte) Ironie besteht darin, daß Kunst mit ökologischer Motivation eben auch eine Umweltbelastung sein kann. Dennoch kommt kaum jemand auf die Idee, ihr das zum Vorwurf zu machen.

Der spröde Bildträger hat eine metaphorische Bedeutung. Wenn er zerbricht, wird er gefährlich, schneidet und verletzt, so wie das zerstörte Gleichgewicht der Natur die menschlichen Existenz bedroht. [...] Die fotobeschichteten Glassplitter, in seiner Unregelmäßigkeit jeder ein Unikat, sind Bruchstücke der Erinnerung und disparater Sichtweisen der Wirklichkeit, die sich nicht mehr zu einem intakten Ganzen zusammensetzen lassen.

Aus: Gerhard Haupt, Resistance-images
In: Pat Binder: Zapping. Institut für Auslandsbeziehungen, Berlin 1996

Falter, 1995

Falter, 1995
  Das Bad, 1995

Das Bad, 1995
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